Tränen und Trauer in St. Lamberti
Selsingen. Kerzen brennen im Altarraum. Aus der Orgel von St. Lamberti ertönt die Melodie des Chorals „Bewahre uns Gott“. In und vor der Selsinger Kirche trauern über 2 000 Menschen um die drei im Afghanistan-Einsatz getöteten Soldaten aus der Fallschirmjägerkaserne Seedorf. Zur Trauergemeinde gehören auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Ministerpräsident Christian Wulff sowie weitere Minister der Bundes- und der Landesregierung. Von Thomas Schmidt
„Wir stehen erschüttert, tief traurig und so viele auch fassungslos in dieser Kirche und beklagen und beweinen den Verlust, die Unwiederbringlichkeit des blühenden Lebens von drei jungen Männern. Die Schmerzen der Nächsten sind auch unsere und können doch nie an dieses Ausmaß heranreichen, es wäre auch vermessen“, wendet sich Verteidigungsminister zu Guttenberg an die Trauernden. In sehr persönlichen Worten würdigt er den Werdegang des Hauptfeldwebels Nils Bruns (35), des Stabsgefreiten Robert Hartert (25) und des Hauptgefreiten Martin Kadir Augustyniak (28), die am Karfreitag in einem mehrstündigen Gefecht in Afghanistan getötet wurden.
Eine seiner beiden kleinen Töchter habe ihn gefragt, ob die getöteten Soldaten „drei tapfere Helden“ seien, sagt Guttenberg. Er habe die Frage des Kindes mit „Ja“ beantwortet und wendet sich noch einmal an die Angehörigen: „Mit Ihnen trauern wir, trauert ein Land. Nicht verschämt, sondern offen! Sie haben ihr Leben für uns eingesetzt. Danke. Von ganzem Herzen danke!“
Dass sich ein ganzes Land vor den Soldaten verneige, betont auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Die Soldaten waren gestorben, weil sie Afghanistan zu einem Land ohne Terror und Angst machen wollten“, sagt Merkel. Sie spricht den Angehörigen ihr „tief empfundenes Mitgefühl“ aus. Es gebe wohl keinen Abgeordneten oder kein Regierungsmitglied, das nicht schon einmal menschliche Zweifel gehabt hätte, ob dieser Kampfeinsatz in Afghanistan nicht tatsächlich unabweisbar sei, so die Kanzlerin weiter. „Erst wenn wir diese menschlichen Zweifel zulassen und ihnen nicht ausweichen, können wir die politische Notwendigkeit unseres Einsatzes in Afghanistan tatsächlich glaubhaft verantworten.“ Sie stehe sehr bewusst hinter dem Einsatz, „weil er der Sicherheit unseres Landes dient“. Dieser Einsatz erfordere einen langen Atem. Aber Afghanistan solle nie wieder zum Planungs- und Rückzugsraum von Terroristen werden wie zu den Anschlägen des 11. September 2001. Der Einsatz in Afghanistan sei schwierig und nicht von heute auf morgen zu beenden, mahnt Merkel. Ein Abzugsdatum könne zwar nicht genannt werden, aber die „Übergabe in Verantwortung“ werde nun eingeleitet. Als konkrete Ziele nennt die Kanzlerin: Chancen auf Einkommen und Beschäftigung, Bau weiterer Straßen, verstärkte Ausbildung von Lehrern und Schulbesuch von Kindern.
Die Abschiedsworte des von den Militärdekanen Hartmut Gremler und Armin Wenzel geleiteten ökumenischen Trauergottesdienstes spricht der Bürgermeister der Patenstadt des Seedorfer Fallschirmjägerbataillons 373, Hans-Joachim Jaap. Es sei außerordentlich schwer, angesichts der Folgen eines „verabscheuungswürdigen Angriffes der Taliban“ die richtigen Worte zu finden, sagt Zevens Bürgermeister Hans-Joachim Jaap in der ökumenischen Trauerfeier. Die Menschen in der Region fühlten sich eng verbunden mit den Angehörigen und ihrer großen Trauer: „Ihr Leid ist auch unser Leid“. Die Tragödie habe die Menschen fassungslos gemacht.
Schon bei der Verabschiedung vor wenigen Wochen sei ihm und allen anderen klar gewesen, dass der bevorstehende Einsatz große Gefahren aufweise. Die Hoffnung, dass alles gut gehen würde und „unsere Soldaten“ (Jaap) unversehrt wieder nach Hause kommen, habe sich nicht erfüllt. Der Tod der drei Männer sei jedoch nicht sinnlos. Wie seine Vorredner bekräftigt der ehemalige Berufssoldat, dass der Einsatz der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan deutschen Interessen diene.
Zevens Bürgermeister spricht den Angehörigen das Mitgefühl und die Anteilnahme aller Menschen im Landkreis Rotenburg aus. „Wir teilen Ihren Schmerz“, sagt Jaap, „wir fühlen mit Ihnen und denken an Sie.“ Den Verwundeten wünscht er eine baldige Genesung. Diejenigen Soldaten, die jetzt oder demnächst in Afghanistan eingesetzt würden, werde man den Rücken stärken und sie in Gedanken begleiten.
Bremervörder Zeitung vom 10.04.2010

Wenn die Fernsehkameras weg sind
Selsingen. Gestern Morgen, 8.30 Uhr in Selsingen. Die Menschen kaufen ihre Brötchen, auf der Bundesstraße braust wieder der Verkehr, das Leben geht weiter. Doch die Flaggen auf Halbmast am Brink und vor dem Rathaus haben auch gestern daran erinnert, dass in dem kleinen Bördeort an diesem Wochenende vor allem vom Tod die Rede war. Wie geht der kleine Bördeort damit um, dass die größte Trauerfeier für Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Mitte stattgefunden hat und was bedeutet ein Staatsakt mit Bundeskanzlerin für Selsingen? Samtgemeindebürgermeister Werner Borchers (siehe unten auf dieser Seite) und Pastor Kay Oppermann, Sprecher des Kirchenkreises Bremervörde-Zeven suchen im BZ-Gespräch nach Antworten.
Nichts war am Freitag wie immer in Selsingen: Ein ganzes Land hat auf den kleinen Bördeort geschaut. Fotos: Schmidt
Die Kirchengemeinde Selsingen hatte die St.-Lamberti-Kirche für die zentrale Trauerfeier der Bundesrepublik für die drei in Afghanistan getöteten Fallschirmjäger aus der Seedorfer Kaserne zur Verfügung gestellt. „Sie bleibt den Soldaten in der Seedorfer Kaserne auch weiterhin seelsorgerlich verbunden", sagt Oppermann. Das vorübergehend im Rathaus ausgelegte Kondolenzbuch kehrt heute wieder in die Kirche zurück und wird noch bis Freitag für Beileidsbekundungen von Bürgern in St. Lamberti aufgeschlagen.
„Von den zwei auf dem Altar während der Trauerfeier brennenden Kerzen wurde eine den Soldaten der Kaserne übergeben", fügt Oppermann hinzu. Auch mit diesem Symbol solle die Verbundenheit zwischen der Kirche und den Menschen vor Ort mit den in Seedorf stationierten Soldaten deutlich werden, macht der Sprecher des Kirchenkreises deutlich, der seine ganz persönlichen Gedanken zum Trauergottesdienst von St. Lamberti für die BZ aufgeschrieben hat.
Bremervörder Zeitung vom 12.04.2010
Werner Borchers: „Diese Trauerfeier hat uns verändert“
Selsingen/Seedorf. Was bedeutet die größte Trauerfeier für deutsche Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg für den kleinen Ort und wie kann es jetzt weitergehen? BZ-Redakteur Thomas Schmidt sprach darüber mit Selsingens Samtgemeindebürgermeister Werner Borchers.
Wie geht es weiter, wenn die Kameras verschwunden sind? Wie findet Selsingen in nächster Zeit zum „Alltag“ zurück?
Das habe ich mich auch gefragt und war erschrocken, wie schnell die äußerliche Normalität wieder eingekehrt ist. Zwei Stunden nach der Trauerfeier waren alle „Spuren“ beseitigt. Ich bin sehr nachdenklich zum Rathaus gegangen und habe mich gefragt: War es das wirklich? Müssen wir jetzt die auf Halbmast gesetzten Flaggen wieder einholen? Den Trauerflor an den Ortschildern entfernen? Aber ich denke, mit diesen Zeichen haben wir unser Mitgefühl und unsere Betroffenheit nach außen getragen. In mir, in uns Bürgerinnen und Bürgern in der Nachbarschaft der Kaserne Seedorf, in unseren Gedanken, in unseren Gesprächen, in unseren Gefühlen, in unserem Herzen wird diese Trauerfeier noch lange und nachhaltig nachklingen. Diese Trauerfeier hat uns verändert. Sie hat uns noch bewusster gemacht, was unsere Soldaten für uns, für unser Land bereit sind zu geben.
Was bedeuten die Geschehnisse konkret für die Patenschaft der Samtgemeinde Selsingen?
Schon in der Phase der gemeinsamen Vorbereitung der Trauerfeier mit den vielen Verantwortlichen aus der Fallschirmjägerkaserne war es für uns wichtig, einfach durch aktive Unterstützung in diesen schweren Stunden unserem Mitgefühl Ausdruck zu verleihen. Vom Vorbereitungsteam wurde mir erzählt, dass man bei allen Anliegen, ganz gleich, wen man gefragt habe, immer nur ein „Ja“ zu hören bekam. Es war einfach das Gefühl da, dass man zusammenhalten muss. Patenschaften zeichnen sich dadurch aus, dass man sich insbesondere in solchen schweren Zeiten mit großem Verständnis begegnet und sich zur Seite steht und unterstützt, auch über die „Grenzen“ der eigenen Patenschaft hinaus. Dies haben wir gerne für die drei getöteten Soldaten des Bataillons 373, das mit Zeven eine Patenschaft hat, getan. Von unserem Paten-Fallschirmjägerbataillon 313 ist zurzeit die vierte Kompanie in Afghanistan. Weitere Einheiten werden in der zweiten Jahreshälfte in den Einsatz gehen. Wir werden unsere freundschaftlichen Kontakte weiter ausbauen. Die erste Kompanie wird in der kommenden Woche eine Patenschaft mit der Gemeinde Selsingen eingehen. Weitere Patenschaften werden folgen. Wir möchten gerne, dass unsere Soldaten spüren, dass ihr Einsatz von unserer Bevölkerung mit getragen wird und der Rückhalt da ist.
Was sind ihre eindringlichsten, vielleicht auch Ihre bewegendsten Erlebnisse in den vergangenen Tagen gewesen?
Es hat mich sehr bewegt, mit welcher Anteilnahme die Vorbereitungen durch die Soldaten aus der Fallschirmjägerkaserne getroffen wurden. Priorität hatte immer das Mitgefühl für die Familien.
Gab es am Freitag eine Szene oder ein Bild, das Sie nie vergessen werden?
Am eindringlichsten war die Trauerfeier in der St.-Lamberti-Kirche. Es war eine sehr würdige und angemessene Feier. Es gab mehrere bewegende Momente: die Ansprachen und Trauerreden, die gefühlvolle musikalische Begleitung. Aber besonders bewegend war für mich, als die drei getöteten Soldaten auf den Schultern ihrer Kameraden ihren letzten Weg antraten, als die Särge an uns vorbei geführt wurden, gefolgt von den trauernden Familien. Spätestens in diesem Moment wurde einem das Herz schwer und die Augen wurden feucht.
Gibt es etwas, was aus Ihrer Sicht hätte anders laufen müssen?
Für solche Geschehnisse gibt es keine Routine und wird es hoffentlich auch nie geben. Und wenn es dann gelingt, eine Trauerfeier mit so vielen Gästen bis hin zur Bundeskanzlerin und dem riesigen Interesse der Medien in unserem kleinen Selsingen so würdig zu gestalten, müssen wir über solche Fragen nicht mehr öffentlich nachdenken. Es gibt so viele Menschen, denen man für die Vorbereitung danken müsste. Stellvertretend für alle möchte ich meinen Dank an die Kirchengemeinde richten, die ihre wunderschöne St.Lamberti-Kirche so selbstverständlich und mit großer Tatkraft und Unterstützung zur Verfügung gestellt hat. (ts)
Bremervörder Zeitung vom 12.04.2010



